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von Vikar Marco Visser, 1. Mai 2005

 

Der Gang in die Kirche

Wenn man vor der Rendsburger St. Jürgenkirche steht, sieht man über der Tür eine große Darstellung von Jürgen (auch Georg genannt). Er ist der Heilige, der den Drachen tötete. Auf dieser Darstellung ist er gerade dabei. Konfirmandinnen und Konfirmanden urteilten ganz unterschiedlich, von "schön" bis "irgendwie gewalttätig". Und beides ist wahr.

Wenn man die Kirche betritt, fallt der Blick sofort auf die Christus­ Statue, die vorne im Altarraum hängt. Sie stellt bemerkenswerterweise nicht Jesus am Kreuz dar, sondern den auferstandenen, in den Himmel fahrenden Jesus (Lukas 24, 50-51). Die zwei Reihen Lampen und der Mittelpfad betonen die Richtung von hinten nach vorne. Der Weg in die Kirche führt somit von Jürgen, der den Drachen tötete, zu Christus, der den Tod tötete.

 

Die Fenster

Wenn man weit genug nach vorne geht, sieht man links und rechts jeweils sieben hohe Fenster. Auf den ersten Blick zeigen die Fenster einfach bunte Engel. Ein schönes Motiv für eine Kirche.  Aber es ist erstaunlich, was auf den Fenstern noch alles zu sehen ist, wo die Bilder herkommen und was sie bedeuten!

Links sind sieben Engel mit Schalen zu sehen. Aus diesen Schalen wird etwas ausgegossen. Im Hintergrund stehen graue Türme oder Gebäude. Ziemlich  weit  oben  ist  das  so  genannte Christusmonogramm zu sehen: Die griechischen Buchstaben X (eh) und Q (r) sind die Anfangsbuchstaben des Namens Christus. An dieser Seite sind die Farben relativ dunkel.

 

Rechts sind die Farben heller, nicht nur weil an dieser Seite das Sonnenlicht durch die Fenster fällt. Diese sieben Engel haben Posaunen in den Händen. Außerdem sind sieben Sterne und sieben Leuchter zu sehen. Hier steht im oberen Bereich ein Lamm.

Alle diese Bilder kommen aus der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel. So wie die Bilder in der Bibel ganz unsystematisch auftauchen und wieder verschwinden, so stehen sie auch auf den Fenstern kreuz und quer durcheinander.

 

Die Engel mit den Posaunen

In der Offenbarung wird von den Visionen des Sehers Johannes auf der griechischen Insel Pathmos erzählt. Die Visionen werden oft als Vorhersage einer nahen oder fernen Zukunft missverstanden. Aber Johannes sieht vielmehr die Welt um sich herum: das Leiden der Menschen und der jungen christlichen Kirche. Die Bilder zeigen das Leiden, aber auch das, was Gott für diese Welt tut.

Das Buch ist vermutlich gegen Ende des ersten Jahrhunderts entstanden, als die ersten Christenverfolgungen schon begonnen hatten. Vor diesem Hintergrund schreibt Johannes an verschiedene Gemeinden seine Ermutigung. Er schreibt  in   einer  sehr  geheimnisvollen Sprache, die nur Christen verständlich ist. Man könnte von Geheimsprache sprechen, oder von Widerstandsliteratur! Im 8. Kapitel der Offenbarung heißt es: Es geschah eine Stille im Himmel, ungefähr eine halbe Stunde. Und ich sah die sieben Engel, die vor Gott stehen. Ihnen wurden sieben Posaunen gegeben. Die Engel fangen dann an, zu posaunen, einer nach dem anderen. Immer wenn eine Posaune klingt, passieren schreckliche Dinge. Johannes sieht Feuer und Blut, Menschen und Tiere, die umkommen."

 

Das Posaunen der Engel macht das Leiden der Menschen sichtbar und hörbar. Das Leid der Menschen soll nicht verborgen bleiben, sondern sichtbar werden. Die Klage darüber wird aber auch laut. Ein Vogel erscheint am Himmel und wehklagt über alles, was auf der Erde passiert: Und ich sah und hörte einen Adler, der mitten im Himmel flog. Er schrie mit lauter Stimme: Uai, uai, uai! Ach, ach, ach für die, die auf der Erde wohnen! (8, 13).

 

Die Engel mit den Schalen

Im 15. Und 16. Kapitel der Offenbarung treten die anderen sieben Engel auf. Sie bekommen goldene Schalen in die Hand. Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel, die zu den sieben Engeln sagte: Geht hin und gießt die sieben Schalen des Zornes Gottes aus auf die Erde (16, 1).

Auch diese Engel tun, was ihnen gesagt wird. Einer nach dem anderen gießt seine Schale auf die Erde aus. Und wieder passieren schlimme Dinge. Aber im Unterschied zu dem, was bei den Posaunen geschah, geht es hier um den Zorn Gottes. Gott lässt Plagen auf die Erde ausgießen. Man erkennt viele der Plagen gegen die Ägypter wieder (2. Mose 7-12). Hier kommt das Gericht Gottes über das Böse, das es in und unter den Menschen gibt.

Wenn der siebte Engel seine Schale ausgegossen hat, gibt es ein großes Erdbeben. Dadurch bricht die Stadt Babylon in drei Stücke. Babylon steht in der Offenbarung für das Böse schlechthin, für das totalitäre, unterdrückende System: Ihr wurde gegeben der Becher mit dem Wein seines Zornes und seiner Wut. (16, 19).

Die Türme dieser Stadt sind auch auf den Fenstern zu sehen. Oder sind es schon die Türme des neuen Jerusalems? Einer der sieben Engel mit den Schalen tritt im letzten Kapitel der Offenbarung noch einmal auf: Er führte mich im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, die aus dem Himmel von Gott herabkam (21, 10). Die böse Stadt Babylon wird zerstört, um für die Gottesstadt Jerusalem Platz zu machen!

 

Auf Christus hin

In den Fenstern steckt aber noch ein Geheimnis: Über und zwischen den Engeln ist Christus abgebildet, oder angedeutet, besser gesagt. Links sieht man das Christusmonogramm, rechts das Lamm, das im 5. Kapitel der Offenbarung auftritt. Das Lamm steht auch für Jesus. Und dann die Ausrichtung der Fenster: Die Fenster stehen nicht zur Gemeinde hin, so dass alle sie sehen könnten, sondern sie sind zum Altar gedreht. Die Fenster sind so auf Christus gerichtet. Die Engel schauen auf den Auferstandenen!

Was bedeutet das? Könnte es sein, dass die Fenster erzählen: Mitten im Leid, das den Menschen überkommt, und mitten im Gericht Gottes ist Jesus zu finden? Und könnte es sein, dass die Fenster gleichzeitig auf ihn zeigen, als denjenigen, der das Böse überwunden hat?

 

Es ist jedenfalls auffällig und sehr mutig, wie sich die Fenster mit dem Bösen auseinandersetzen und wie sie gleichzeitig Christus ins Spiel bringen. Es lohnt sich, genau hin zu schauen und die Geschichte zu hören und zu sehen, die die Fenster erzählen!

Die St. Jürgener Kirchenfenster laden die Betrachtenden ein, sich weiter mit ihrer Geschichte auseinander zu setzen, darüber nach zu denken und ins Gespräch zu kommen. So sind sie eine Anregung und eine Ermutigung für die Gemeinde, die sich Sonntag um Sonntag in ihrer Mitte versammelt.